Die Diskussion über den Osnabrücker Juristen Hans Georg Calmeyer hat sich vielleicht etwas beruhigt, ist aber längst noch nicht am Ende. Für die einen ist er ein Schreibtischtäter, der lediglich seinen Dienst für die NS-Verwaltung versah, für die anderen ist er der erfolgreichste Judenretter in der Nazizeit. Für die einen ist er ein ambivalenter Schwindler, für die anderen ein aufrechter Held.
Im Zusammenhang mit Calmeyer werden zahlreiche Begriffe genutzt, die jedoch eher verwirren als ihn charakterisieren: ambivalentes Handeln, Held, Mittäter, Rettungswiderständler, Opportunist. Sind die Einschätzungen stichhaltig und nachvollziehbar? Unter Historikern jedenfalls gibt es in dieser Diskussion noch kein Ergebnis. Also müssen die überlieferten historischen Akten zu Calmeyer gelesen werden, um die Frage zu beantworten, wie viele Menschen Calmeyer »absichtlich« oder »zufällig« gerettet hat. Kann man diese Zahl seriös benennen und wie ist sie im Kontext mit dem Holocaust einzuordnen, wenn man sich dem lebenrettenden Werk Calmeyers nähern will, für das er unter höchster Lebensgefahr gearbeitet hat?
Dr. Sven Jürgensen, Leiter des Erich Maria Remarque-Friedenszentrums spricht mit dem Historiker und Vorsitzenden der Calmeyer Initiative, Dr. Joachim Castan. Seit 1998 beschäftigt sich Castan mit Calmeyer. Er gilt als einer der besten Kenner dieses Themas.